21. Oktober 2026
Diese sieben Meter - sieben Meter über Dreitausend. Vielleicht ist der Acherkogel auch deshalb ein regional bedeutender Berg? Weil er der Nördlichste aller Stubaier Dreitausender, und aufgrund seiner Lage, sogar der nördlichste Dreitausender Europas ist? Dieser Umstand war uns lange nicht bekannt, der Acherkogel übte für die meisten von uns schon früh eine Faszination als Kletterberg aus. Seine Routen sind im "Orglerführer" enthalten und besonders der NO-Grat, in Kombination mit der Überschreitung des Maningkogel, entwickelte sich zur Tour der Begierde. Bei den Überlegungen zu unserem Sommerprogramm wurde er genannt. Wir begleiteten in weiterer Folge Kund:innen an ihm, allesamt sehr unterschiedlich was ihre Motive betraf. Gemeinsam war ihnen, dass sie unbedingt auf den Acherkogel wollten und ihn liebten.
Diesen Herbst ist das Wetter über etliche Tage hinweg beständig schön. Wie lange wohl noch? Irgendwann kommt der Umschwung und bringt den ersten Schnee. An so einer Wende befinden wir uns gerade. Morgen wird der Acherkogel angezuckert sein, heute erleben wir ihn in seiner ganzen Schönheit.



Der Weg von der Staumauer ins Mittertal ist äußerst kurzweilig. In einem farbenprächtigen Bergwald beginnt der etwa zwei Stunden dauernde Zustieg. Irgendwann überqueren wir den Bach und steigen weiter Richtung Mittertaler Scharte auf. Als die Sonne über die Bergkette kommt bleiben wir einen Augenblick stehen und staunen. Es ist so ein schönes Tal, dieses Mittertal! Unterhalb eines kleinen Sees füllen wir Wasser auf und wenig später bereiten wir uns auf die Kletterei vor. Beim Anlegen des Gurts und Einbinden in das Seil ist man sich bewusst, dass das ein besonderer Moment ist. Den nehmen wir mit.









Der NO-Grat des Maningkogel hat einzelne steile Abschnitte und dazwischen viel einfacheres Gelände. Man bewegt sich die gesamte Zeit am Grat oder wenig seitlich davon. Besonderheiten sind die gute Felsqualität und die Ausblicke. Wir gehen viel am laufenden Seil, d.h. wir bewegen uns simultan. Touren in einer privaten Seilschaft ermöglichen uns die Sicherung der Gäste zu überlegen und die besten Sicherungspunkte oder neuralgischen Bereiche zu erkennen - ein immenser Vorteil in vielen Touren. Es kommt uns gar nicht so vor, weil alles so entspannt läuft, aber nach eineinhalb Stunden sind wir am Maningkogel und erleben den Ausblick von dort. Man sieht zurück ins Mittertal, nach Kühtai, der Acherkogel präsentiert sich nun auch im Detail. Besonders beeindruckend empfinden wir den Blick hinunter ins Vordere Ötztal und auf den Piburger See.







Es folgt ein kurzer Abstieg am Verbindungsgrat und kurz bevor es wieder aufwärts geht sind die Felsblöcke nicht immer fest. Vom Charakter gleichen sich die beiden NO-Grate sehr. Über ein steiles Schlussstück erreichen wir den Gipfel. Er liegt prominent und dennoch herrlich isoliert. Das große Kreuz am Signalgipfel, das man vom Tal aus sieht, liegt etwas weiter westlich. Am höchsten Punkt steht lediglich ein kleines Holzkreuz. Es befindet sich in derartig guter Lage, dass wir leicht entscheiden dort zu verweilen. Wettermäßig erhalten wir das Vorhergesagte. Es ist leicht föhnig und relativ warm. Ganz langsam ziehen hohe Wolken auf - sie sind die Vorboten der Kaltfront.






Überraschend am Acherkogel ist sein Normalweg, unser Abstiegsweg. Er ist dermaßen steil! Spärlich markiert und in teilweise etwas unangenehmen Gelände, für das sehr gute Trittsicherheit erforderlich ist, gelangt man tiefer. Ein Abschnitt über Geröll (weglos) und ein namenloser Übergang am Grenzkamm zum Mittertal, und wir sind wieder im Einstiegsbereich. Während des Abstiegs kann man die begangene Route bestens einsehen - zumindest von der Nordseite.


Wie schon der Aufstieg ist auch der Abstieg ein Genuss. Man wandert unbeschwert und zufrieden talwärts. Wenn doch noch die Dortmunder Hütte für eine Einkehr offen hätte...

Kurz zum Anspruch und den Schwierigkeiten: Man muss als Gast nicht unbedingt viel Klettererfahrung mitbringen. Wichtig ist, dass man sich im Zweier- und Dreiergelände wohlfühlt und mit der Exponiertheit an manchen Stellen gut umgehen kann. Die schwierigsten Stellen sind kurz und mit III bis IV- beweretet. Für den Abstieg benötigt man sehr gute Trittsicherheit - er ist nicht jedermanns Sache. Seine technischen Schwierigkeiten sind wesentlich geringer als die der NO-Grate, jedoch verlangt er nach umsichtigem und konzentriertem Steigen abwärts (I-II). Für die Tour eignen sich Zustiegsschuhe o.Ä. sowie ein 30m Einfachseil mit sechs Express-Sets und einigen Bandschlingen.

Die hier beschriebene Tour am Acherkogel geht man idealerweise erst nachdem der Schnee geschmolzen ist. Im Hochsommer ist es am Grat angenehm kühler als im Tal und im Herbst erlebt man Einsamkeit und die Landschaft besonders reizvoll.

Literatur (vergriffen):
ISBN 3-926807-21-0
PANICO Verlag
Klettern in den Stubaier Alpen und im Valsertalkessel
Andreas Orgler


Stubaier Bergführer GesbR