Ein feiner Kletterberg inmitten der beeindruckenden Kalkkögel.

Pyramidenspitze Ostwand

Ästhetisch und eindrucksvoll steht die Pyramidenspitze über der Malgrube, einem der wohl ruhigsten Orte in den Kalkkögel. Sie gilt als Berg zum Genussklettern, was in den umliegenden Bergen und Wänden sonst eher die Ausnahme ist. Die Ostwand ist eine feine Mehrseillängentour im mittleren Schwierigkeitsbereich und wohl eine unserer Lieblingstouren beim Führen.

31. August 2022

Seit 1983 sind die Kalkkögel Ruhegebiet. Trotz Seilbahn im Randgebiet der Zone bewegen sich auf den Wanderwegen im Kern des Kalkmassivs nur verhältnismäßig Wenige. Die Wanderwege sind passagenweise anspruchsvoll, besonders wer es nicht gewohnt ist auf schottrigen Böden zu gehen, wird gefordert. Um auf Gipfel zu gelangen bedarf es guter Trittsicherheit und manchmal sogar Kletterkönnen. Man sagt, wer in den Kalkkögeln klettern kann, der kann es fast überall, denn der teils brüchige Fels lehrt einen in Vorsicht und dem richtigen Abschätzen seiner Grenzen.

Bereits als Jugendliche faszinierten uns die dolomitenartigen Berge. An ihren Wänden machten die meisten der im Stubai lebenden Kletterer:innen ihre ersten Alpintouren. Im von Andreas Orgler publizierten Kletterführer "Klettern in den Stubaier Alpen" wird die Pyramidenspitze mit "schönen, leichten Klettereien in meist gutem Fels" beschrieben, und die Ostwand erhielt sogar ein Sternchen - das ist der Hinweis auf ein Schmankerl :-)

Wir schnappen also die E-Bikes und kurbeln zur Schlicker Alm hinauf. Es ist noch früh und wir sind alleine unterwegs. Am steilen Anstieg in die Roßgrube wird's richtig warm, obwohl es heute insgesamt eher frisch ist. Von der Roßgrube führt ein Verbindungsweg in die Malgrube. Diesen nehmen wir und bereits aus der Latschenzone heraus erblicken wir die "Pyramide".

Blick zur Pyramidenspitze aus der Unteren Malgrube.
Direkter Blick zur Ostwand der Pyramidenspitze. Rechts unterhalb, ein fossiler Blockgletscher.

Der Zustieg bleibt steil und bald steigt man durch die freien Bergwiesen zu einem markanten Blockgletscher auf. Ein Gletscher? Ja, allerdings keiner aus Eis. Blockgletscher sind Landschaftselemente des alpinen Permafrosts und auch ohne Eis weisen sie in Teilen die Form eines Eisgletschers auf. Es sind Schuttablagerungen, und wenn sie besonders alt - also fossil - sind, sind sie meist überwachsen und nur mit geschultem Auge erkennbar. Der Blocgkletscher an der Pyramide ist jedenfalls ein herrlicher Ort! Ein kleines Wegkreuz ziehrt diesen Punkt im Zustieg und es tut immer gut, hier oben einen Schluck zu trinken und ausgiebig in die Landschaft zu blicken. Kurze Zeit später stehen wir am Einstieg und bereiten uns für die Kletterei vor.

Vorbereitung am Wandfuß.

Durch die Ostwand führen mehrere Routen. Einige von ihnen sind mit Bohrhaken abgesichert und ermöglichen "Plaisirklettern" - wenngleich die Kalkkögel schon anders sind als Südfrankreich. Wir wollen einen Mix aus mehreren Routen klettern und beginnen mit einer direkten Einstiegslänge im kompakten Fels.

Ausgewaschen und fest präsentiert sich der Fels in der ersten Seillänge.
Wir verwenden ein Doppelseil und hängen beide Stränge in die Bohrhaken ein. Die Abstände der Bohrhaken sind zum wohlfühlen, doch deutlich weiter als in Sportkletterrouten.
In der dritten Seillänge. Typisch für die Ostwand sind Graspolster- sie peppen die Sache enorm auf :-)
Angekommen am breiten Band unterhalb des letzten Aufschwungs. Wandfeeling mit Blick auf den erwähnten Blockgletscher.
An einem Standplatz im oberen Bereich der Wand.

Im oberen Teil der Wand entscheiden wir uns dafür, nicht nach rechts zu klettern, - dorthin führt die "Klassische Ostwand" - sondern gerade hoch zum Gipfelkreuz. Etwas schwieriger, aber für heute sehr passend und auch für uns Neuland. Nach zwei weiteren Seillängen sitzen wir am Gipfel.

Am Beginn des Direktausstiegs. Die Route heißt "Schlicker Traum".
"Schlicker Traum", vorletzte Seillänge.
Blick vom Standplatz zur Marchreisenspitze (2.620 m).
Etwas kleingriffig und zum Anpacken ist die letzte steile Passage.
Danach wird's einfacher. Der Ausstieg aus der Wand.

Der Gipfel der Pyramidenspitze (2.409 m) ist ein schöner Ort. Man sitzt längst nicht auf dem höchsten der umliegenden Berge. Eher gegenteilig, man sitzt - von ihnen umrundet - mitten drinn. Nur zu einer Seite ist der Blick frei, über die gekletterte Wand hinweg nach Osten. Das Gipfelkreuz steht exponiert über steil abfallenden Wänden. Man bleibt gerne gesichert und gibt Acht, dass beim Schuhwechsel und Rumpacken nichts der Schwerkraft folgt. Viele sind's nicht, die im Gipfelbuch stehen. Eher oft Wiederkehrende. Und solche sind auch wir.

Zwei Stubaier Bergführer beim Erkunden.
Gipfelbuch-Check.

Nun folgt der Abstieg über den Normalweg. Dieser ist nicht zu unterschätzen, denn das Gelände ist steil und die angebrachten Versicherungen sind an einzelnen Passagen etwas unglücklich gesetzt. Wir konzentrieren uns und steigen ab.

Von hier führt der Abstieg links hinunter.
Blick zurück zum Gipfel.
Steil und felsig. Einige Stahlseile erleichtern den Abstieg wesentlich.
Typisch für die Kalkkögel sind die Bänder zwischen den Wandabschnitten. Über sie führen viele Normalwege.
100% Kalkkögel.
Luftiger Quergang vor der Scharte.

Der Abstieg ist äußerst abwechslungsreich. Erst klettert man ab, weiter unten, an einer Scharte, gelangt man in Gehgelände. Die Pfade sind schmal und nicht mit markierten Wanderwegen zu vergleichen. Ein Bereich ist ein ganz besonderer. Es ist jener, der einen beim Übergang vom Wandfuß in die Bergwiesen umgibt. Zwischen schroffen Wänden stehend staunt man über die ständig wechselnden Perspektiven und über den damit verbundenen Abwechslungsreichtum. Im weglosen Gelände weiter unten packt man seine Klettersachen wieder in den Rucksack und wandert gemütlich abwärts.

Im Moment.
Hier spürt man die Ursprünglichkeit der Kalkkögel.
Diesem kleinen Kerl gefällt es hier ebenso. Ein Alpensalamander freut sich über einen kühlen Sommertag.
Die Schlicker Türme.
Rechts oben, das Gipfelkreuz der Pyramidenspitze. Der Felssockel links heißt "Lokomotive".
Unbeschwert und zufrieden wandern wir hinab in die Roßgrube.

An der Schlicker Alm stehen die Fahrräder. Den Tag gut genützt und mit viel Zufriedenheit rollen wir durchs Tal auswärts. Einkehrmöglichkeiten gibt es etliche - wir wählen die Fronebenalm und sprechen beim Bier darüber, wie wenig bekannt solche großartigen Touren sind. Wollen wir sie bekannt machen? Nein. Wir wollen lediglich über sie berichten, denn irgendwie finden bei Bergtagen wie diesen, die Richtigen zusammen. Die Pyramidenspitze ist Teil unseres Sommerprogramms und wir begleiten Einzelpersonen und Zweierteams bei Begehungen.

Topo der Ostwand und der Berg im Sonnenschein. So macht die Ostwand noch mehr Spaß!

Literatur: A. Orgler "Klettern in den Stubaier Alpen und im Valsertalkessel, Fels & Eis", Panico 1992, ISBN 3-926807-21-0
Bilder: Matthias Knaus

Bild Verfasser

Verfasst von

Matthias Knaus

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