Die Erfüllung eines Jugendtraums

Acherkogel Nordostgrat

Schon in seiner Schulzeit sagten die Lehrer, Thomas solle einmal was "Gscheites" lesen, nicht immer diese Bergzeitschriften. Bereits damals war der Acherkogel fester Bestandteil seiner Gedankenwelt. Oft betrachtete er ihn eingehend vom Tal oder von umliegenden Orten aus und dieses Jahr setzte er Gedanken in die Tat um, und kletterte mit uns den wunderbaren Nordostgrat.

20. August 2022

Hochsaison. Unser noch junges Gefüge bewährt sich bei der Durchführung einiger Berg- und Gletschertouren und währenddessen der Bergsommer seinen Verlauf nimmt, denken wir an den Herbst und überlegen einige neue Kletterziele in unser Angebot aufzunehmen. Christoph erhielt die Anfrage für den Acherkogel und mit dieser war die Überlegung komplett. Am 14. August, einem Sonntag an dem das Wetter nicht besser sein könnte, parkt Thomas früh morgens an der Staumauer des Speicher Längental in Kühtai.

Warum denn eigentlich der Acherkogel? Was ist so besonders an diesem Berg und warum will Thomas ihn unbedingt besteigen? Nun, der Acherkogel gilt als nördlichster Dreitausender der Stubaier Alpen - sogar Europas (!) - und weist an seinem langen Nordostgrat festen Fels auf. Seine freistehende Lage ermöglicht Gipfelblicke bis an weit entfernte Orte und generell ist er trotz seiner Dominanz und Schönheit kein Berg der Massen. Thomas entwickelte bereits früh ein Faible für diesen Berg, insbesondere für den Nordostgrat - eine lange, lohnende Klettertour in mittlerer Schwierigkeit. Argumente genug, um durch's Mittertal aufzusteigen und diese Tour zu klettern.

Etwa zwei Stunden dauert der Zustieg durch das idyllische Mittertal. Blickfang hier ist übrigens nicht der Acherkogel, sondern der ihm vorgelagerte Maningkogel.
Ein kleiner Bergsee unterhalb des Nordostgrats kennzeichnet das Ende des Zustiegs.
Ein Blick in die herrliche Umgebung, dann liegt der Fokus am Fels und seinen Möglichkeiten höher zu gelangen.

Klettert man über den Nordostgrat des Acherkogel, gilt es zuerst den Maningkogel zu erreichen. Dieser unbekannte und ruhige Berg hat seinerseits einen langen Nordostgrat, wodurch die Aneinanderreihung dieser beiden Grate gut 500 Höhenmeter Gratkletterei ergibt - stets homogen und in der Tat einzigartig in den Stubaier Alpen. Größtenteils bewegt man sich im dritten Schwierigkeitsgrad, eine Einzelstelle am Maningkogel verlangt den vierten Grad. Anstelle der Kletterschuhe reichen Zustiegsschuhe, denn auch Blockgelände und weglose Abschnitte zählen zur Route.

Das Gelände ist steil, jedoch gut kletterbar. Im Schein der Vormittagssonne sind die ersten Seillängen ein purer Genuss.
Meist klettert man direkt am Grat.

An festem, rauem Fels, über Platten, schmale Grate und exponierte Felsspitzen geht es luftig zum höchsten Punkt des Maningkogel. Von hier ist der weitere Routenverlauf klar ersichtlich - immer am Grat entlang und in gleichem Stil wie bisher. Man klettert hinab in eine kleine Scharte, von der aus der eigentliche Nordostgrat des Acherkogel in Angriff genommen wird.

Der Gipfelsteinmann des Maningkogel auf 2.892 m Seehöhe. Im Hintergrund der Acherkogel mit seinem Nordostgrat.

Etwa fünf Stunden benötigen wir für die Kletterei. Jede Seillänge, jeder Moment davon ist wunderbar. Das stabile Wetter an diesem Tag nimmt uns alle Sorgen und wir können den Grat bei idealen Bedingungen begehen. Der mit Grün- und Grauflechten überzogene Fels wird bei Nässe schnell rutschig, weshalb niemanden empfohlen werden kann, diese Tour bei zweifalhaften Verhältnissen zu begehen. Um diesen perfekten Tag nützen zu können, haben wir ein Zeitfenster für mehrere Tage festgelegt. Thomas brachte ein Wochenende und drei weitere Tage ein, wir verteilten die möglichen Führungstage und waren gespannt, wer die Tour mit ihm klettern wird. Aus unserer Sicht ist es besonders wichtig, den Faktor Zeit bei Terminvereinbarungen entsprechend zu berücksichtigen und für anspruchsvolle Touren gute Bedingungen abzuwarten.

Hoch über dem Mittertal und mit Blick nach Kühtai geht es immer weiter in Gipfelnähe.

Nach oben hin wird das Gelände einfacher. Noch ein paar Schritte und der Acherkogel ist erreicht. Unsere Seilschaft strahlt Glück und Zufriedenheit aus. Wir erreichen das Gipfelkreuz und gratulieren uns zum eben Geleisteten. Belohnt werden wir mit einem großartigen Gipfelpanorama über weite Teile der Ostalpen. Überall lugen weit entfernte Berge am klaren Horizont auf und es macht riesig Spaß, sie alle zu benennen.

Dieser Augenblick. Diese Emotionen. Thomas ist überglücklich darüber, sich seinen Jugendtraum erfüllt zu haben. Sein Glück ist ansteckend!
Blick vom Acherkogel nach Westen. Gut erkennbar, der Tschirgant mit seinem hellen Kalk und riesigen Schotterreisen sowie die Lechtaler Alpen dahinter. Der Gletscherberg ganz links hinten ist der Hohe Riffler über dem Stanzer Tal.
Am Beginn des Abstiegs.

Vom Gipfel steigen wir in eine kleine Scharte ab. Der nun folgende Abstieg durch die Nordflanke ist steil und verlangt gute Trittsicherheit. Anders als am Nordostgrat ist hier das Gestein weniger fest und man muss gut Acht geben, worauf man steigt und woran man sich festhält. Leichte Kletterstellen (UIAA I und II) fordern die Konzentration.

Der Abstieg führt durch die steile Nordflanke. Durch sie verläuft der Normalweg, ein steiler Bergpfad mit viel Blockgelände.
Blick zurück. Dieser Bergtag wird Thomas von heute an begleiten.

Über die Mittertalscharte erreichen wir den weiteren Abstiegsweg. Das Mittertal wirkt nun anders. Nicht nur durch die fortgeschrittene Zeit und den unterschiedlichen Sonnenstand - vor allem durch die gewonnenen EIndrücke und die gemachte Erfahrung. Thomas begibt sich überglücklich und stolz auf den Heimweg nach München. Wir erlebten erneut, wie sehr Bergerlebnisse in unserer Heimat Menschen bewegen können. Die vorgestellte Route kommt in unser festes Führungsangebot und wird hoffentlich noch viele Menschen begeistern.

Thomas und Hannes - eine Seilschaft, der an diesem Tag eine wunderbare Tour gelungen ist.

Anmerkung zum Charakter: Die Route ist alpin, d.h. zur Gänze selbst abzusichern.

______

"Am Sonntag, dem 14. August 2022 durfte ich mit Bergführer Hannes die Überschreitung von Maningkogel und Acherkogel in den nördlichen Stubaier Alpen klettern. Diese Genusstour im mittleren Schwierigkeitsgrad gilt als eine der schönsten Urgesteins-Klettereien Tirols. Schon seit meinen Jugendtagen hatte ich diesen Bergsteiger-Traum im Kopf und zusammen mit Hannes durfte dieser Traum Wirklichkeit werden. Hannes führte mich souverän und sicher, er strahlte stets Ruhe und Übersicht aus. Mich hat seine Professionalität, die mit tiefer Menschlichkeit gepaart ist, sehr beeindruckt. So war das Klettern für mich das pure Vergnügen - auf einer großartigen Tour, an einem unvergesslichen Tag! Danke Hannes!"

Thomas Rothfuß, 26. August 2022

Bild Verfasser

Verfasst von

Johannes Kirschner

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